Therapiesitzung
Apfel
Nicht alle Patienten sind gleich. Manche heben sich von anderen ab, bleiben im Gedächtnis. Sei es wegen ihrer Geschichte oder ihrer Person. In erster Linie habe ich meinen Job auch nicht gewählt, um Menschen zu helfen. Viel mehr, um sie zu studieren. Sie sind interessant und komplex. Einige mehr, andere weniger. Mein aktueller Patient ist hauptsächlich eins. Schweigsam. Was in Ordnung ist. Schließlich ist das seine erste Therapiestunde und vielleicht braucht er Zeit, um aufzutauen und sich mir anzuvertrauen. Nein. Das Schweigen ist nicht das, was mich irritiert - sondern der Apfel auf meinem Schreibtisch. Tatsächlich kann ich die Augen kaum von diesem roten Ding lösen. Ich fühle mich wie in einem dieser amerikanischen Filme, in denen die Schüler ihren Lehrern Äpfel mitbringen, um sich einzuschleimen oder ihre Zuneigung und Dankbarkeit zu zeigen. Doch was ist die Intention meines Patienten? Warum hat er statt zum Beispiel mir die Hand zur Begrüßung zu geben, wortlos diesen Apfel auf den Tisch gestellt? Ich kann nicht leugnen, dass mir diese eher unvertraute Geste ein leichtes Unwohlsein beschert hat. Ach was heisst hat? Ich spüre die Gänsehaut noch immer unter meinem dicken Wollpullover.
Nun sitzen wir hier seit fünfzehn Minuten herum. Er mir gegenüber in seinem Sessel und ich in meinem - auf dem Schoß meinen Schreibblock, auf dem ich bisher kaum etwas vermerkt habe. In der Uni lernt man, dass man den Patienten Raum geben soll. Raum, sich zu entfalten. Raum, sich zu akklimatisieren, runterzukommen, anzukommen. Ein sicherer Ort. Eine Wohlfühlzone. Meine vier Wände, in denen ich Wärme und ein offenes Ohr spende. Zumindest normalerweise. Heute empfinde ich meinen Raum als drückend. Genauer gesagt erdrückend. Der Patient übt eine seltsame Aura auf mich aus. Als müsste ich mir vor ihm in Acht nehmen und ich kann gar nicht wirklich benennen, warum das so ist. Vielleicht liegt es an seinem äußeren Erscheinungsbild, vielleicht an seiner schweigsamen Art oder an dem Apfel. Es könnte auch eine Kombination aus allen drei Sachen sein.
Ich versuche einen unauffälligen Blick auf meine Uhr zu werfen, in dem ich mich zu meinen Schuhen runterbeuge und so tue, als wolle ich überprüfen, ob die Schnürsenkel noch straff und fest sitzen. Keine Ahnung, ob mir das mit dem “unauffällig” wirklich gelingt, aber als ich mich wieder aufrichte, sind die Augen meines Patienten weiterhin starr auf mich gerichtet. So langsam frage ich mich, ob er während unserer Sitzung überhaupt einmal geblinzelt hat. Ich habe ehrlich gesagt nicht darauf geachtet, obwohl das Teil meines Jobs ist. Auch Teil meines Jobs ist es, Menschen nicht vorzuverurteilen. In eine Schublade darf ich sie stecken. Es ist sogar meine Aufgabe, meine Patienten zu kategorisieren. Ihrer Erkrankung einen Namen zu geben - denn sobald das Problem einen Namen hat, kann man es spezifisch angehen und behandeln. Eine Behandlung ist das, was sich meine Patienten von mir wünschen. Ich soll sie von ihren Fragen und Dämonen erlösen und ihnen Wege aufzeigen, wie sie scheinbar unüberbrückbare Hürden meistern können.
Über das Formular, das mein Patient bei seiner Anmeldung ausgefüllt hat, habe ich nur in Erfahrung bringen können, dass er sich einsam fühlt. Er kämpfe schon seit Jahren mit langanhaltender Einsamkeit. Mehr nicht. Es ist nicht so, dass ich Einsamkeit als ein kleines Problem ansehe. Im Gegenteil. Einsamkeit ist ein ernstzunehmendes Problem, das sich immer weiter ausbreitet. Viele fühlen sich einsam. Aber es ist schwierig, jemanden zu therapieren, der nicht reden will. Oder kann. Womöglich leidet mein Patient unter Mutismus? Mutismus ist eine Schweigestörung, bei der ein Mensch nicht spricht, obwohl er theoretisch dazu in der Lage wäre. Da könnte der Hund schon begraben sein. Ein Mensch, der sich nicht artikulieren oder mitteilen kann, wird oft von der Gesellschaft ausgeschlossen oder übersehen. Also ist es an mir, ihm das Gefühl zu geben, willkommen und erwünscht zu sein. Ein neuer Ansatz muss her. Ich muss einen wortlosen Raum mit Worten füllen.
Prompt spinne ich den Gedanken weiter. Ich könnte eine völlig neue Therapiemethode ausprobieren. Eine, die gegen die Vorschrift ist und für die ich belangt werden könnte. Warum ausgerechnet bei diesem Patienten und warum jetzt, keine Ahnung. Irgendein Impuls treibt mich dazu. Mein Fokus springt zum Apfel, dann zu meinem Patienten. Ich nehme einen Atemzug und nehme eine andere Haltung ein, Schultern leicht nach vorne, Füße fest auf dem Boden. Menschen neigen dazu, ihren Gesprächspartner zu spiegeln. Darauf spekuliere ich - also schlüpfe ich in die Rolle, die ich von ihm erwarte und hoffe, dass mein Plan aufgeht und ich meinen Patienten aus der Reserve locken kann.
“Als Mädchen habe ich mich unwohl gefühlt in der Anwesenheit der Freunde meines Vaters."
Relikt
Dieses Relikt aus der dunkelsten Ecke meiner Erinnerungen zu kramen, ist vielleicht nicht die feine Art. Zumal ich dieses Geheimnis noch nie geteilt habe. Es ist mir unangenehm. So unangenehm, dass sich ein nebulöser Schleier um ein ganz bestimmtes Ereignis gebildet hat. Ich kann es nicht ganz abrufen, nur bruchstückchenhaft. Mein Gehirn versucht mich zu beschützen. Ein Trauma ist eine schwere seelische oder körperliche Verletzung, die durch einen extrem bedrohlichen oder überfordernden Vorfall ausgelöst worden ist. Jeder reagiert anders auf so einen banal ausgedrückt "Schaden". Manche mit Flashbacks, andere mit emotionaler Taubheit, Vermeidung, etc. Es gibt auch diejenigen, die mit jahrelangen körperlichen Beschwerden zu kämpfen haben. Ein Trauma kann in einem kurzen Moment entstehen und wenns schlecht läuft ein Leben lang andauern. Was ziemlich unfair und ungerecht ist. Es ist nicht lenkbar, nicht steuerbar, aber handelbar. Oder wie wir Fachpersonen sagen: behandelbar. Ich bin ehrlich, ich habe meine eigenen Traumata nie überwunden, bin sie nie aktiv angegangen. Es ist mir schon immer einfacher gefallen, mich mit den Problemen von anderen zu befassen und sie bestenfalls zu dezimieren oder sogar zu eliminieren. Heutzutage wird oft der Begriff “Helfersyndrom” dafür verwendet. Hierbei vernachlässigt man sich selbst oder seine Bedürfnisse in einem massiven Rahmen, um anderen beizustehen oder sich für sie aufzuopfern. Es ist nicht unbedingt ein Akt aus reiner Nächstenliebe. Oftmals tun wir es auch unbewusst. Etwa um uns selbst zu schaden. Um uns zu verletzen oder gar zu degradieren. Wir sind es gewohnt, Wunden zu tragen. Deswegen verwende ich auch den Begriff “überwunden”. Ein klaffender Schmerz, der nie versiegt, uns aber stetig daran erinnert, noch am Leben zu sein. Und somit vielleicht auch für irgendwen oder irgendjemand einen Nutzen zu haben. Gebraucht zu werden, weil man sich leer und nutzlos fühlt. Als könne man nur heilen, wenn man sich die Heilung zuvor verdient.
Ich mustere meinen Patienten. Anders als erwartet, spiegelt er mich nicht. Im Gegenteil. Er scheint wie festgefroren zu sein. Als hätte man eine Puppe auf diesen Sessel gesetzt, die sich nicht von alleine bewegen oder agieren kann. “Mit Puppen spielt man”, schießt es durch meine Gedanken. Ich tippe mit meiner Zunge an meine Oberlippe, überlege, wie ich fortfahren soll. Die Stunde ist bloß angebrochen und ich bin noch keinen Schritt weiter. Mein Patient ist wie ein Mysterium. Ein Zauberwürfel, den man lösen muss. Und eigentlich ist eine Therapie nichts anderes. Man muss versuchen, die Farben, die durcheinandergebracht worden sind, wieder zu ordnen. Mein eigenes Chaos tobt unter der Oberfläche. Will raus, weil ich es gewagt habe, es zu erwecken. Ich habe die Erinnerung aus ihrem Winterschlaf geholt und nun verlangt sie, gefüttert zu werden. So ist das mit Erinnerungen. Sie leben in der Vergangenheit und verzehren sich nach der Gegenwart. Je mehr Nahrung man ihnen gibt, desto stärker und präsenter werden sie. Umso mehr Platz nehmen sie ein, umso schwerer wiegen sie. Und irgendwann erdrücken sie uns unter ihrem Gewicht. Vergessen wir sie, belasten sie uns nicht und wenn wir Glück oder Unglück verblassen sie sogar. Werden zu einem mageren Skelett, das nach und nach zerfällt. So betrachtet, ist eine Therapie eigentlich kontraproduktiv. Denn in einer Therapie werden Erinnerungen aus ihrem Exil geholt und mit Gesprächen genährt, bis sie dick und prall sind. Das Ziel eines jeden Psychologen ist es dann, das herangezüchtete Monster verstehen zu lernen. Es zu analysieren, zu defragmentieren. Ungefähr so wie bei diesem beliebten Spiel Dark Souls. Lerne das Monster kennen, seine Tricks und Ticks, scheitere einhundertmal und mehr, aber am Ende, am Ende obsiegt du. Du vernichtest es und gehst noch stärker hinaus. Und manchmal droppen Monster Gear, das dich für zukünftige Kämpfe wappnet.
Ich muss schmunzeln. Ob mein Patient ein Zocker ist? Falls ja, sehe ich ihn eher als Sniper wie einen Krieger. Er liegt auf der Lauer, wartet auf den richtigen Moment, den perfekten Augenblick für den tödlichen Schuss aus sicherer Entfernung. Vielleicht muss ich ihm zu nahe kommen, um ihn aus der Reserve zu locken? Doch wie gehe ich das an? Wie wäre es mit einer Frage - eine Frage, die in der Lunge brennt.
“Soll ich dir erzählen, warum ich mich unwohl gefühlt habe?”
Miniature
Ich warte auf eine Reaktion. Ein klitzekleines Aufblitzen von Neugier in seinen Augen zu sehen oder den bösen Funken von Abneigung zu spüren. Doch nichts. Weder das eine noch das andere. Würde sich der Brustkorbs meines Gegenübers nicht kontinuierlich heben und senken, könnte man davon ausgehen, dort säße wirklich kein Mensch. Ich gehe auch nicht davon aus, dass ich ihn langweile. Sein Blick ist nach wie vor auf mich gerichtet, wach und aufmerksam. Als hätte er still dem Rollentausch zugestimmt. Nun melden mich meine paranoid schizophrenen Züge zu Wort. Kann er meine Gedanken lesen? Sieht er in meinen Kopf hinein? Was für eine Person sitzt dort und kann sie mir gefährlich werden? Ich muss diese Gedanken verstummen lassen. Das Zepter ist in meiner Hand. Das ist meine Praxis, ich bin hier sicher. Achte auf deine Atmung, Liv. Langsam ein- und ausatmen und nicht am Sessel festklammern. Mit einem gezwungenen Lächeln verfrachte ich meine Hände auf den Schoß. Halte sie locker, lasse es wie eine zufällige Bewegung aussehen. Das habe ich gelernt. Es hat Jahre gedauert, aber mittlerweile fällt mir das Umschalten leicht. Ich schiele zum Apfel und korrigiere mich. Es ist mir zumindest schon mal leichter gefallen als jetzt. Bei einem Missbrauch nehmen die Täter das Stillschweigen ihres Opfers meist als Zustimmung wahr und da man meine Frage durchaus als missbräuchlich einem Patienten gegenüber wahrnehmen könnte, ich überschreite damit immerhin eine Grenze, fahre ich ungeniert fort.
“Mein Vater und die Freunde meines Vaters haben sich gern bei uns zuhause getroffen, um zu trinken. Sie haben sehr viel getrunken. Oft lief Musik. Irgendeine Party-Musik, glaube ich. So genau kann ich mich nicht erinnern”, sage ich und ertappe mich dabei, wie ich unruhig werde. Liv, nicht vergessen. Langsam atmen, Anspannung fallen lassen. Dir kann nichts passieren. Du bist hier sicher. Wie ein Mantra, das in meinem Kopf abläuft und gegen die Bilder ankämpft, die von einem imaginären Projektor abgespielt werden. In meiner Vorstellung handelt es sich um ein altmodisches Modell. Eins, das nur schwarz-weiss Fotografien wiedergibt, als wäre das, was ich gerade erzähle, in einem ganz anderen Leben und weit in der Vergangenheit passiert.
“Ich bin als Kind nicht gerne alleine gewesen. Ich konnte mich durchaus gut alleine beschäftigen aber ich war lieber in Gesellschaft. Kennst du diese Kunststoff-Miniaturen von Schleich? Ich habe es geliebt, mit denen Bauernhof zu spielen. Ich habe auch immer davon geträumt, später einmal auf einem Bauernhof zu leben”, der Wunsch bringt mich zum Lächeln. Viel ist zwar nicht draus geworden, manchmal arbeite ich dennoch mit Menschen zusammen, die sich benehmen wie Tiere. Da mein Patient nach wie vor nicht auf meine Fragen reagiert, erzähle ich weiter als ich bisher je erzählt habe.
“An diesem einen Abend hat mein Vater wieder seine Freunde eingeladen. Ich weiss noch, dass es spät gewesen ist und wie ich mit ihnen am Tisch gesessen und gespielt habe, während sie Bier um Bier gekippt haben. Irgendwie sehe ich mich immer noch auf diesem Tisch tanzen, während Musik gespielt hat und Hände mich berührt haben. Was danach passiert ist und ob ich Bier nur zum probieren bekommen habe, an das kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber wenn ich daran zurückdenke, fühlt es sich falsch an. Als wäre an diesem Tag etwas passiert, was wir alle verdrängt haben. Und ich glaube, dass niemand darüber spricht, macht es für mich noch schlimmer, weil ich die Lücken mit meiner Fantasie füllen darf.”
Ich gucke meinen Patienten an, der schweigt. Eigentlich sehen wir uns an. Er mich, ich ihn, zwischen uns diese unsagbare Stille - als hätte ich mich nicht gerade offenbart, dass nicht darüber reden, was einen bedrückt, dafür sorgt, dass das Problem unkontrollierbar heranwächst. Eventuell wird es sogar größer, als es ist, weil unser Verstand es größer macht. In vielen Fällen sind wir selbst unser allerschlimmste Feind und ich frage mich, wer in seiner Geschichte das oder der Böse ist.
Kaktus
Es ist noch nie vorgekommen, dass ich von mir aus und ohne triftigen Grund eine Therapiestunde vorzeitig beendet habe. Andererseits kann ich einen Patienten nicht behandeln, wenn ich ihn nicht einstufen kann und um ihn einzustufen, brauche ich etwas, womit ich arbeiten kann. Einsamkeit. Wie soll ich sie behandeln? Ich könnte ihm vorschlagen, was er tun könnte, um weniger allein zu sein. Sich mehr in Gesellschaft begeben, aber selbst in Gesellschaft kann man sich nach wie vor einsam fühlen. Wie bekämpfe ich dieses Monster? Das Spiegeln hat nicht funktioniert. Ich bin einen Schritt auf ihn zugegangen, doch er verharrt in seiner Position. Er ist wachsam, ja, aber sparsam, wenn es darum geht, eine Emotion oder eine Regung zu zeigen. Ob mein Patient in der Lage ist, Mitgefühl zu empfinden oder ist er so sehr in sich gekehrt, dass er seine Umgebung und die Menschen darin bereits völlig ablehnt? Wie dringe ich dann zu ihm durch? Durch Angriff? Provokation? Spekulation?
“In deinem Fragebogen hast du angegeben, dass du dich einsam fühlst, ist das richtig?”, frage ich plump, um ihm eine einfache Ja- oder Nein-Antwort zu entlocken. Ich nehme auch ein Nicken oder ein Kopfschütteln. Hauptsache irgendetwas. Vielleicht reagiert er, wenn sich das Gespräch um ihn dreht. Doch nein. Wir starren uns weiterhin an.“Arvid, ist es dir lieber, wenn wir uns siezen? Ich finde das Du persönlicher, aber respektiere natürlich, wenn du es gerne anders haben möchtest”, versuche ich es abermals. Gleiches Ergebnis. Ratlos wandert mein Fokus zurück zum Apfel. Mein Patient ist vor mir im Behandlungszimmer gewesen. Meine Sprechstundenhilfe hat ihn hereingeführt. Das ist üblich bei mir, weil ich es bevorzuge, dass meine Patienten erst einmal ankommen dürfen, bevor sie auf mich treffen. Für manche ist das der ideale Start, weil sie zu viele Eindrücke auf einmal überfordern. Andere kommen erst zur Ruhe, wenn ich anwesend bin und ihnen die nötige Stabilität biete. Einen Anker, der sie vom Davontreiben bewahrt. Gedanken kann man sich wie ein Meer vorstellen. Ich persönlich liebe den Vergleich, denn das Meer ist tief, groß, stürmisch, ruhig, mysteriös. Es hat so viele Facetten und ist unglaublich faszinierend, so wie beängstigend zugleich.
Was hat mein Patient in den Minuten, in denen ich abwesend gewesen bin, getan? Er hat den Apfel auf meinem Tisch platziert. Hat er sich dabei auch die Dinge angesehen, die dort schon liegen? Mein Notizbuch, zum Beispiel? Hat er darin herum geblättert und ist danach eventuell enttäuscht gewesen, weil er bis auf leere Seiten nichts darin vorgefunden hat? Keine Informationen über andere Patienten, keine Einkaufsliste oder sonstige Kritzeleien. Da fällt mir ein, dass ich mir vorgenommen habe, den Kaktus zu entsorgen und das bisher vergessen habe, zu tun. Ich habe ihn übergossen und er hat daraufhin angefangen, in seinem Töpfchen zu vergammeln. Welchen Eindruck könnte das auf einen Patienten machen? Etwa den Eindruck, dass ich mich nicht einmal um einen pflegeleichten Kaktus ordentlich kümmern kann? “Nun verfällst du wieder in dein Overthinking, Liv. Lass das”, ermahne ich mich selbst. Dieses blöde und nutzlose Gedankenkarussell, dass mich mehr behindert, als dass es mir was bringt. Es sorgt dafür, dass ich untergehe, statt an der Oberfläche zu bleiben. Dass ich in die unendliche Tiefe aus Angst und Zweifel gerissen werde, als hätte ein Kraken seine Arme nach mir ausgestreckt und jeder Arm trägt seinen eigenen Namen. Ich bringe das Karussell zum Erliegen, in dem ich aufstehe und ein paar Schritte gehe. Wieder achte ich dabei auf meine Atmung. Ich steuere meinen Schreibtisch an, betrachte die Dinge, die darauf vorzufinden sind. Mein Notizbuch, das, was ich nicht benutze und nur zu dekorativen Zwecken dort seine Daseinsberechtigung gefunden hat. Meine Schreibutensilien. Den blöden Kaktus, der nicht da sein sollte. Das Foto, auf dem eine Person abgebildet ist, die ich nicht kenne und den Apfel, der sich nun neu zu den anderen Sachen hinzugesellt. Ich bleibe neben meinem Schreibtisch stehen und deute auf die rote Frucht.“Das ist übrigens lieb von dir, Arvid, danke für den Apfel”, sage ich und bin überrascht, als daraufhin mein Patient seine erste Regung zeigt. Es handelt sich dabei zwar nur um ein kleines Nicken, aber es ist mehr und gleichzeitig alles, was ich in den 45 Minuten mit Arvid bekommen habe und erhalten werde, denn plötzlich steht mein Patient auf und verlässt ohne ein Wort oder eine weitere Geste mein Behandlungszimmer.
klatschen
Mit so einem Abgang habe ich nicht gerechnet. Im ersten Augenblick bin ich so baff, als hätte mein Patient mir mit der flachen Hand eins ins Gesicht geklatscht. Ich erwische mich auch dabei, wie ich mir in dieses fasse, als würde es weh tun und als müsste ich dem Grund für diesen Schmerz nachgehen. Ich blinzele einige Male, ehe ich loslache. Das ist eine Übersprungshandlung. Ich bin fasziniert und überfordert zugleich. Ich kann mir keinen Reim darauf machen. Zumindest noch nicht. Ich brauche auch noch ein paar Minuten, bis ich mich von meinem Platz erhebe und das Behandlungszimmer verlasse. Mein Weg führt durch einen langen Flur. Rechts und links sind weitere Türen. Am Ende treffe ich auf Ivi, die hinter dem Empfangstresen sitzt und in Dokumente vertieft ist. Ich halte an und gucke mich um. Inspiziere kurz das Wartezimmer, das sich hinter einer Glasfront befindet. Ivi hat aus ihrer Position die Wartenden stets im Blick und kann jederzeit einschreiten, sollte jemand Hilfe benötigen oder die Fassung verlieren. Was zum Glück eher selten vorkommt, aber schon vorgekommen ist. Gerade ist das Wartezimmer aber leer. Keine weiteren Patienten. Es ist spät. Arvid ist mein letzter für heute gewesen.
“Alles in Ordnung, Liv?”, erkundigt sich Ivi bei mir, der wohl nun aufgefallen ist, dass ich vor ihr rumstehe wie bestellt und nicht abgeholt. Ich schüttele aus einem Reflex den Kopf, korrigiere mich aber sogleich mit einem Lächeln.“Alles okay, der Patient hat bloß vorzeitig die Therapiestunde beendet und ich wollte nachsehen, ob er vielleicht noch hier irgendwo ist.”Ivi sieht mich an, als wäre ich diejenige, die eine Behandlung braucht. Ein wenig besorgt, aber auch skeptisch. “Ich habe niemanden gesehen. An mir ist er nicht vorbeigelaufen”, behauptet sie. Nun gucken wir beide verwirrt aus der Wäsche. “Wahrscheinlich hat er den Notausgang genommen”, denke ich laut. Dieser ist nicht unweit von meinem Behandlungszimmer entfernt. Nur drei Türen weiter und führt über eine Treppe hinaus ins Freie. Trotzdem seltsam.
Ivi runzelt die Stirn. “Warum sollte er den Notausgang nehmen?”
Ich zucke mit den Achseln. “Er ist speziell.”
“Meinst du, er ist gefährlich?”, piepst meine Sprechstundenhilfe los, die erst ein Jahr für mich arbeitet und bereits genug gesehen und erlebt hat, um diese Frage nicht zu stellen.“Ach was”, winke ich ab, obwohl ich Arvid bisher noch gar nicht einstufen kann. Vielleicht ist er gefährlich. Beurteilen kann ich es nicht, aber vorverurteilen darf ich nicht. Trotzdem ist es mir ein Anliegen, Ivi vorerst zu beruhigen. Sie sieht überarbeitet aus. Einige Strähnen haben sich aus dem Dutt gelöst und hängen ihr zerzaust in das müde Gesicht. Sie hat auch wieder auf ihrer Lippe rumgekaut. Diese sieht ein wenig malträtiert aus. Ein klares Anzeichen von Stress bei ihr.
“Bei dir alles in Ordnung”, frage ich deswegen. Ivi schreckt kurz zurück, als fühle sie sich ertappt. Dann entdecke ich das gleiche falsche Lächeln auf ihrem Mund wie auf meinem. Das alles-ist-gut-Lächeln-mach-dir-keine Sorgen, obwohl nichts gut ist und man sich Sorgen machen sollte. Eventuell sollte ich meine Sprechstundenhilfe mal wieder zu einem Kaffee einladen. Einfach, um ihr eine Gelegenheit zu bieten, sich mir anzuvertrauen oder Dampf abzulassen, wenn sie das möchte.
“Mir geht’s gut, danke”, quittiert Ivi unser Gespräch und widmet sich dem Dokument vor ihr. Als würde sie in dieses Schriftstück hinein flüchten. Doch eine Sache muss ich noch von ihr wissen, dann lasse ich sie in Ruhe. “Hast du seine Daten überprüft?”
“Die von deinem letzten Patienten?”, schlussfolgert Ivi richtig. Wir gucken uns an. Ich nicke. Sie hantiert mit Maus und Tastatur herum, klickt, scrollt, formt die Augen zu schlitzen, als müsste sie sich konzentrieren oder als wäre das auf ihrem Computerbildschirm nur schwer zu lesen. Dann wandert ihr Blick zu mir hoch.
“Es sind nicht viele Angaben, aber die, die ausgefüllt sind, scheinen richtig zu sein. Das System zeigt mir keinen Fehler an.”
“Danke. Dann hab noch einen schönen Abend und mach nicht mehr so lange.” Ich hebe die Hand zum Abschied. Lächle. Sie lächelt auch und erwidert die Geste. Wenig später verlasse ich meine Praxis und fahre mit meinem alten Honda Civic nach Hause. Dort öffne ich eine Flasche Wein und lege mich in die Wanne.
Ungeheuer
Eigentlich habe ich nicht damit gerechnet, noch einmal auf Arvid zu treffen. Unsere Kennenlern-Therapiesitzung ist drei Wochen her und da sich mein Patient bis gestern nicht mehr gemeldet hat, habe ich nicht mehr gerechnet, ihn jemals wiederzusehen. Mir ist tatsächlich fast die Tasse aus der Hand gefallen, als mich Ivi gefragt hat, wann sie Arvid einplanen könnte, weil er seine Therapie gerne fortführen würde. Für gewöhnlich treffe ich meine Patienten in einem bestimmten und von mir festgelegten Rhythmus. Der Kalender ist voll und durchstrukturiert und genau genommen habe ich keine Zeit für einen weiteren Patienten, da ich für Arvid bereits jemanden von der Warteliste geholt habe. Was sich nun als Fehler herausgestellt hat. Denn ich bin so neugierig und angestachelt, dass ich extra für Arvid Überstunden schiebe. Ich habe Ivi gesagt, sie soll ihn für heute nach meinem letzten Patienten einplanen. Ihr besorgter Gesichtsausdruck hat mich ein wenig verunsichert, weil ich ihn zuerst missinterpretiert habe. Ich habe ihn auf die zusätzliche Überstunde geschoben. Wohingegen Ivi Arvid jetzt für einen Notfallpatienten hält und sich Gedanken darüber macht, was vorgefallen ist und warum sein Erscheinen plötzlich so dringlich ist. Da ich zu meinen Patienten schweigen muss - habe ich mich rausreden können und ihr gesagt, dass nicht unbedingt länger bleiben muss und es nicht so schlimm ist, wie sie es sich in ihrem Kopf ausmalt. Damit hat sie sich zufrieden gegeben oder zumindest so getan, als ob ihr die Erklärung reiche. Im Endeffekt ist Ivi doch länger geblieben und hat Arvid bereits in mein Behandlungszimmer geschickt. So wie es halt üblich ist. Diesmal behandele ich ihn hinter Tür Sieben. Fast alle Behandlungszimmer sind ähnlich ausgestattet. Ein Schreibtisch mit Bürostuhl, zwei Sessel, Wohlfühldekoration. Zimmer sieben hingegen besitzt keine Wohlfühldekoration. In diesem Behandlungszimmer möchte ich beobachten, wie meine Patienten sich in Stresssituationen verhalten. Die Dekoration ist also nicht darauf ausgelegt, Gemütlichkeit auszustrahlen, sondern Unbehagen auszulösen. An den Wänden hängen Skizzen und Bilder von anderen Patienten. Einige von ihnen leiden unter Wahnvorstellungen, Schizophrenie, andere verarbeiten schwerwiegende Traumata. Besonders die Kinderzeichnungen lösen bei mir viel aus. Ich vermeide es in der Regel, sie mir während einer Therapiestunde anzusehen, außer wenn ich es muss. Ich beobachte lieber die Reaktion meiner Patienten. In Gesichtern kann man meist mehr lesen, als man aus Worten heraushören kann. Unsere Mimik und Haltung verrät so viel über uns - besonders wenn wir die Kontrolle verlieren.
Ich komme mit einem mulmigen Gefühl an meinem Zielort an, weil ich nicht weiss, was mich gleich hinter dieser Tür erwartet. Als würde dort drin ein Ungeheuer lauern, und als müsste ich mich vor diesem in Acht nehmen. Aber die einzigen Ungeheuer hängen an der Wand und sind von ihren Erschaffern oder Opfer auf Papier gebracht worden.
“Du packst das Liv”, rede ich mir Mut zu, atme ein und aus und öffne dann mit Schwung die Tür. Mein Gang ist sicher, als ich das Zimmer betrete. Sicher und zielstrebig. Das Lächeln auf meinen Lippen eisern und die Freundlichkeit in meinem Auftreten jahrelang antrainiert, so dass sie sitzt wie ein guter Anzug. Normalerweise liegt mein Fokus komplett auf meinen Patienten. Sie sind diejenigen, die meine volle Aufmerksamkeit bekommen und verdienen. Bei Arvid ist es allerdings anders. Da bin ich bereits geprägt. Denn bevor ich ihn ansehe, bemerke ich, wie mein Blick zum Schreibtisch abschweift. Schnurstracks überfällt mich eine Gänsehaut. Eine, als wäre soeben doch ein Ungeheuer aus seinem Versteck gesprungen. Es erwischt mich eiskalt. So kalt, dass ich ins Taumeln komme und mich gerne irgendwo festgehalten hätte. Denn Halt ist, was mir gerade am allermeisten fehlt. Der Halt, der mich jahrelang davor bewahrt hat, mich meiner eigenen Angst zu stellen.
Panik
Ich trinke gerne Alkohol. Wahrscheinlich aus den gleichen Gründen, wie es viele meiner Patienten tun. Aber ich verabscheue Bier. Ich kann mit Bier absolut gar nichts anfangen. Es schmeckt mir nicht. Und es erinnert mich an unschöne Dinge. Aber dass eine einzelne Bierflasche regelrecht Panik bei mir auslösen kann, das erlebe ich gerade zum ersten Mal. Ohne einen Schluck getrunken zu haben, fühle ich mich, als würde ich den Boden unter meinen Füßen verlieren. Meine Sicht ist getrübt, mir ist schlecht und ein wenig schummrig. Ich torkele auf meinen Schreibtisch zu, obwohl ich mich meinem Patienten stellen sollte. Ich sollte ihm gegenüber Platz nehmen und mich um ihn kümmern. Zumindest Hallo sagen. Aber ich bin zu nichts anderem in der Lage, außer die Flasche Bier auf meinem Tisch anzustarren. Sie ist leer. Wobei. Das stimmt nicht ganz. Sie ist zwar leer, wenn man sie trinken will, aber in ihrem Innern befindet sich etwas. Meine Finger zittern, als ich das Glas berühre. Sie zittern auch noch, als ich die Flasche in die Hand nehme. Ich kneife die Augen zusammen. Spüre so viel auf einmal und doch nichts Greifbares. Meine Unterlippe bebt. Tränenflüssigkeit sammelt sich. Ich will und möchte vor meinem Patienten nicht weinen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er mich gerade ansieht. Ob er mich studiert. Eigentlich ist das mein Job. Ich sollte ihn analysieren. Seine Reaktion auf meine beobachten. Diese würde mir bestimmt viel über seine Absichten verraten. Lächelt er? Ist er amüsiert? Lässt er sich überhaupt in die Karten hineinschauen? Was hat ihn dazu bewegt, mir das anzutun? Was habe ich ihm getan? Warum hat er mir eine Bierflasche auf den Tisch gestellt, in dessen Bauch sich eine kleine Figur befindet? Es handelt sich um ein Häschen und es ist weiss. Und er hat sich sogar die Mühe gemacht, das Häschen am Flaschenboden festzukleben - denn es rührt sich nicht von Ort und Stelle - egal wie sehr ich versuche, das Häschen aus der Flasche zu bekommen. Ich kann nicht genau sagen, wie lange ich brauche, um mich vom ersten Schock zu erholen. Ich weiss nur, dass ich meinen Mund erst aufkriege, als ich auf dem Sessel sitze und in das Gesicht meines Patienten gucke. Sein Blick ist unverändert, starr auf mich gerichtet und ausdruckslos. Beinahe so, als würde Arvid einfach keine Emotionen besitzen. Ich überlege, wie ich fortfahren soll. All die Kunstwerke in diesem Raum erdrücken mich nun mehr, als sie es zuvor jemals getan haben. Sie wirken irgendwie anklagend, als hätte ich versagt. Und genau so fühle ich mich. Der unangenehme Cocktail aus Empfindungen brodelt noch immer in meinem Magen, als ich einen Ton von mir gebe. Es ist ein einfaches “Warum”, auf das ich bestimmt keine Antwort erhalten werde. Wahrscheinlich habe ich das Falsche gesagt. Vielleicht möchte Arvid sich an mir rächen, weil ich ihm so unverblümt von meinem Erlebnis als kleines Mädchen erzählt habe, obwohl das seine Therapiestunde ist und nicht meine. Oder er hätte gerne, dass ich mich für sein Geschenk bedanke, auch wenn es makaber ist. Eventuell begreift er ja gar nicht, was er mit dieser Flasche und dem Häschen darin in mir ausgelöst hat. Was ist, wenn er mir ohne Worte zeigen will, dass er mir zugehört hat. Ist das seine Art, sich auszudrücken? Mit kleinen Aufmerksamkeiten? Ich rätsele, zerbreche mir den Kopf. Sekunden werden zu Minuten. Kostbare Zeit, die ich meinem Patienten widmen sollte und nicht der Aufgabe, dem eigenen Chaos Herr zu werden. Also tue ich das, was ich gelernt habe. Ich richte mich auf meinem Sessel auf, überschlage die Beine und mache das, was ich immer mache. Ich lächle. Mein Notizbuch habe ich irgendwo zwischen dem Betreten des Zimmers und dem hier und jetzt liegen gelassen. Oder ich habe es gar nicht erst mitgenommen. Mein Notizbuch ist aber auch zweitrangig. Ich kann therapieren, ohne auf Hilfsmittel angewiesen zu sein. Den wichtigsten Gegenstand trage ich bei mir und das ist mein Verstand.“Ich freue mich, dass du dich nochmal bei uns gemeldet hast, Arvid. Das ist ein großer Schritt und ich bin stolz auf dich, dass du heute hier bist und den Weg mit mir gemeinsam gehen möchtest”, sage ich, wie ich es schon hundert Mal gesagt habe, bloss die Namen haben stets gewechselt. Arvid ist auch mein erster Arvid. Ich habe den Namen nach unserer ersten Therapiesitzung gegoogelt, weil hinter einem Namen oft eine Bedeutung steckt. Die wörtliche Übersetzung lautet “Adler im Wald.” Metaphorisch steht er für einen starken, mutigen und wachsamen Kriegen oder einen ehrenhaften Mann, da dem Adler Eigenschaften wie Kraft und Scharfblick zugeschrieben werden. Ich frage mich, ob der Name zu meinem Patienten passt. Aktuell wirkt sein Blick auf mich eher nichtssagend. “Möchtest du über etwas Bestimmtes reden? Vielleicht über dein Mitbringsel?”, versuche ich mein Glück. Und werde maßlos enttäuscht.
stinkig
Arvid schweigt. Nicht nur seine Stimme, sondern auch sein Körper. Meiner hingegen schwitzt. Ich bin so aufgewühlt, dass mir der Schweiss unkontrolliert herunterläuft. Noch nicht an offensichtlichen Stellen, aber an denen darunter. Zum Beispiel unter meinem Hemd. Meine Achseln sind nass. Auch mein Rücken fühlt sich so an, als würde er an dem leichten Stoff kleben. Unangenehm und ein wenig peinlich. Hoffentlich fange ich nicht an zu stinken. Für jemanden, der früher oft wegen seines Geruchs gehänselt worden ist, ist das eine Angst, die einen unbehandelt sogar ewig begleiten kann. Eine Angst, die selbst Parfüm nicht übertünchen kann. Ich trage heute mein Übliches. Es riecht leicht, blumig und hat eine fruchtige Note. Kirschblüte. Ich träume schon lange davon, einmal nach Japan zu fliegen, aber der Zeitpunkt ist noch nie der Richtige gewesen. Und wenn ich ehrlich bin auch die Begleitung.
Auf einmal fühle ich mich nackt ohne mein Notizbuch. Wie ausgeliefert, obwohl von Arvid keine Bedrohung ausgeht. “Red dir das bloß ein, Liv”, mahnt mich eine Stimme. Arvids Geschenk könnte man durchaus als grenzüberschreitend einstufen. Andererseits lässt er nach wie vor nicht durchscheinen, welche Absicht er verfolgt. Möchte er mir schaden? Will er mir zeigen, dass er mir zuhört? Vielleicht ist das seine Art, eine Beziehung zu mir aufzubauen? Fragen über Fragen, auf die ich mir die Antwort selbst aussuchen kann. Bin ich in der Lage, die Therapie mit diesem Patienten fortzuführen oder sollte ich sie an dieser Stelle abbrechen? Und falls ich mich dazu entscheide, Arvid weiterhin zu therapieren, wie soll diese Therapie aussehen? Wenn er mir mit dieser Flasche und dem Häschen darin zu nahe tritt, wäre es nun an mir, ebenfalls eine Grenze zu überschreiten? Oder ist das bereits eine Strafe dafür, dass ich in unserer letzten Sitzung es mir rausgenommen habe, von mir und meiner Kindheit zu erzählen?
Meine Beine machen sich selbständig. Ich stehe auf und mache ein paar Schritte auf Arvid zu, verringere die Distanz zwischen uns, um zu prüfen, wie er darauf reagiert. Doch Arvid und sein Pokerface bleiben unbeirrt. Er weicht auch nicht zurück, als ich unmittelbar vor ihm stehe. Es wirkt, als würde er einfach durch mich hindurch schauen. Als wäre ich aus Glas oder gar nicht da. Bei einer instabilen Person würde er mit diesem Verhalten nun dafür sorgen, dass diese an ihrer eigenen Existenz zweifelt. Sie würde sich in den Arm kneifen, vor ihm herumhampeln, auf sich aufmerksam machen. Schlagartig muss ich an den weißen Hasen in der Flasche denken. Welche Bedeutung hat er? Follow the white rabbit, schießt es mir durch den Kopf. Ein Zitat aus dem Film Matrix. Die gewohnte Realität hinterfragen und die Wahrheit hinter der Illusion suchen. Oder Alice im Wunderland, der Hase führt das Mädchen in eine andere Realität, eine andere Welt. Mein Hase hingegen ist eingesperrt. Er entkommt der Flasche nicht. Ist gefangen. Keine Flucht, außer die Flasche zerbricht. Ist es vielleicht das, was mein Patient von mir will? Soll ich den Hasen freilassen? Ich blicke über meine Schulter zu meinem Schreibtisch. Dann zurück zu Arvid, ehe ich vor ihm in die Knie sinke, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Das Blau in seinen dunklen Iriden wirkt endlos und tief wie ein Ozean. Ich frage mich, welche Kreatur dahinter lauert? Und ist sie mir wohlgesinnt oder wird sie mich mit sich reißen? Mich unter die Wasseroberfläche ziehen und mir die Luft zum Atmen nehmen.
“Arvid, bist du in dir selbst gefangen? Fühlst du dich fremdbestimmt?”
rammen
Keine Reaktion. Als hätte ich etwas anderes erwartet. Insgeheim habe ich damit gerechnet. Trotzdem bin ich enttäuscht, weil ich das Gefühl habe, auf der richtigen Spur zu sein. Wenn Arvid unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidet, hätte ich zumindest einen Teil des Puzzles gelöst. Ein Puzzle ist tatsächlich ein ziemlich guter Vergleich. Viele fangen mit dem einfachen Rand an, bevor sie sich dem eigentlichen Motiv widmen und es zusammensetzen. Das ist nämlich der schwierige Teil. Für den braucht man am meisten Zeit und Geduld. So ist es auch bei der Störung. Erst muss man herausfinden, in wie viele Splitter die Persönlichkeit zerbrochen ist. Hin und wieder fehlt ein Teil, das ist aber nicht schlimm. Nach und nach lernt man die Struktur besser kennen, findet heraus, wie sie funktioniert und zusammenhängt. Jeder Splitter erzählt eine eigene Geschichte. Und alle Geschichten zusammen bilden die Persönlichkeit. Den Kern. Oder - auch wenn es böse klingt - das Problem. In den meisten Fällen wird der sogenannte Host von seinen Teilidentitäten beschützt und vor weiteren Verletzungen abgeschirmt und bewahrt. Dabei gilt es genau diesen Host zu therapieren und zu einem eigenständigen Leben zu verhelfen. Was schier unmöglich ist, denn die Teilidentitäten versuchen in der Regel, dies um jeden Preis zu verhindern. Die meisten Therapeuten dringen nie zum inneren Kern vor. Sie verstehen zwar, wie das Drumherum funktioniert, scheitern aber daran, die Überlebensstrategie und die Mauern zu durchbrechen. Sie werden sozusagen vor der Tür stehen gelassen und dürfen nur hin und wieder mit jemandem sprechen, der dahinter steht und Redebedarf hat. Und wehe man kommt auf die wahnwitzige Idee, die Klinke herunter zu drücken. Auch mit Rammbock dringt man dort nicht durch, ohne den Menschen dahinter vollends kaputt zu machen. Spannend bei der multiplen Persönlichkeitsstörung ist auch der Fakt, dass die Erkrankten Erinnerungslücken haben und die Wechsel zwischen den Teilidentitäten oft als Zeitsprung wahrnehmen. Was zu der Matrix-Theorie passen würde. Die gewohnte Realität hinterfragen und die Wahrheit hinter der Illusion suchen. Ich könnte einen Wechsel auch provozieren. Die einfachste Variante, einen Wechsel hervor zu kitzeln, ist dem Patienten zu nahe zu kommen. Nah bin ich schon. Für zu nah müsste ich eine weitere Grenze überschreiten. Alleine die Vorstellung, das zu tun, löst Hitze in mir aus. Keine wohlig warme Hitze, die kribbelt unter der Haut, sondern eine, an der man sich verbrennen könnte.
Obwohl Arvid mich anstarrt, sieht er irgendwie doch durch mich hindurch. Und dann fällt mir wie aus dem Nichts etwas auf. Und zwar, dass ich Arvid bisher nur als etwas betrachtet habe, dass ich zu therapieren habe und gar nicht als Mensch aus Fleisch und Blut. Nicht als eigenständiges Individuum. Alleine seine Frisur hätte mir schon einen Rückschluss auf seine Lebensumstände geben sollen. Seine Haare wirken nicht ungepflegt. Sie sind dunkel, fast schwarz. Er trägt sie wild und ungebändigt. Sie sind zwar nicht kurz, aber auch nicht lang. Ich nehme keinen unangenehmen Geruch wahr. Im Gegenteil. Jetzt, wo ich so dicht vor ihm knie, schmiegt sich der Duft von Wald in meine Nase. Trägt er etwa ein Parfum oder ist das sein Duschgel? Auch der leichte Bartansatz verrät mir, dass mein Patient sich um sich kümmert. Sein dunkelroter Pullover ist weder zerknittert noch dreckig. Die dunkelbraune Hose hat keine Risse und scheint in der passenden Größe zu sein. Und er trägt einen Gürtel, ebenfalls in einem makellosen Zustand, wie neu gekauft. Genauso wie seine Schuhe, die das Outfit abrunden. Alles in allem scheint mein Patient in der Lage zu sein, sich um sich selbst zu kümmern und Wert darauf zu legen, wie sein äußeres Erscheinungsbild auf andere wirkt. Eine Depression könnte ich nun ausschließen, obwohl sie so gut zu der Einsamkeit passen würde, von der in seinem ausgefüllten Fragebogen die Rede gewesen ist. Spielt mein Patient etwa Scharade mit mir? Oder übersehe ich einfach etwas?
mystisch
Die Therapiestunde wird jäh unterbrochen, als Ivi an der Tür klopft. Ohne ein “Herein” abzuwarten, erwischt meine Assistentin mich in Flagranti. Wir schauen uns geschockt an. Sie mich und ich sie, wobei ich vor Schreck fast umkippe, da ich immer noch vor meinem Patienten knie und mein Gleichgewichtssinn mich plötzlich verlässt. “Tut mir leid”, stammelt Ivi unbeholfen los. Sie schirmt ihr Gesicht ab, als wolle sie sich davor bewahren, bei etwas Verbotenem Zeugin zu sein. “Ich hätte nicht…”
“Warum platzt du einfach so herein?”, erfährt es mir. Ich richte mich ungalant auf, klopfe imaginären Staub von meiner Kleidung und merke, dass ich wütender bin, als ich sein sollte. Meine Wangen glühen vor Scham. Scham, weil ich Ivi so angefahren habe und weil sie mich dabei erwischt hat, wie ich die Komfortzone eines Patienten missachtet habe. Keine Ahnung, wie das nun auf sie wirken muss. Hätte Arvid Tränen im Gesicht und ich ein Taschentuch in der Hand, hätte ich meine Aktion so erklären können, dass ich ihn nur habe trösten wollen. Aber so fehlen mir die Worte für eine plausible Erklärung. Stattdessen liefert mir meine Assistentin ihre.“Die Stunde ist vorbei und ich wollte nur sichergehen, ob alles in Ordnung ist…”, sagt sie und hört sich dabei an wie ein Mäuschen. Nun tut mir meine Reaktion noch mehr leid. “Es ist alles in Ordnung”, versichere ich Ivi, bemüht um einen ruhigen Tonfall, auch wenn in mir drin alles tobt. Ich bin überfordert mit der Gesamtsituation. Einerseits, weil die Stunde so schnell vorbeigegangen ist, dass ich nicht einmal bemerkt habe, wie spät es schon ist und andererseits, weil ich gefühlt noch am Anfang stehe. Ich kann Arvid weder helfen noch ihn verstehen und als ich mein Fokus zu ihm springt, bin ich überrascht, dass er aufgestanden ist. Sein Blick liegt auf mir. Diesmal scheint er mich wirklich anzusehen. Nicht wie eine Puppe, sondern wie ein Mensch. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Und gleich ein zweiter, als er, ohne ein Wort zu sagen, erst an mir vorbei geht und dann an meiner Assistentin und zur Tür heraus. Ivi sieht ihm hinterher und alleine an ihrer Körperhaltung kann ich ablesen, dass sie Angst verspürt. Ihre Arme hat sie um ihren Oberkörper geschlungen und ihre Schultern sind angespannt und leicht nach vorne gebeugt. In ihren Augen lese ich noch mehr. Dort hat sich zu der Angst auch noch die Besorgnis hineingeschlichen. Sorge um mich und um sich selbst.“Kommt er wieder?”, erkundigt sie sich, als wir in unserem Pausenraum sitzen, beide mit einer warmen Tasse Tee in der Hand. Ich gucke auf meine Tasse hinunter und denke nach.
“Ich weiss es nicht”, beantworte ich ihre Frage schließlich. Sie nickt und wirkt genauso nachdenklich.“Ich finde, du solltest die Therapie abbrechen”, meint sie. Unsere Blicke treffen sich. Der Duft von Pflaumen mit Zimt erfüllt den Raum.“Warum soll ich die Therapie abbrechen?”, hake ich nach.
“Weil der Mann gruselig ist”, piepst sie. “Er macht mir Angst und ich mache mir Sorgen um dich, Liv.” Wie um ihre Aussage zu untermauern, findet ihre Hand auf meine Schulter. Verweilt dort, während sie mich eindringlich ansieht. “Ich weiss, es steht mir nicht zu, über deine Patienten zu urteilen. Aber jedes Mal wenn er die Praxis betritt, überkommt mich eine Gänsehaut. Ich kann nicht genau sagen, woran es liegt. Irgendetwas stimmt mit ihm nicht. Er hat einfach eine komische Aura. So schwarz und düster und unheimlich.” Ivi schüttelt sich, als würde alleine die bloße Erinnerung ihr eine weitere Gänsehaut bescheren. Ich kann sie sogar nachempfinden. Der Mann ist ein Mysterium. Ein Mysterium, das sich nicht in die Karten schauen lässt. Das, was wir nicht kennen, macht uns Angst. Doch das Unbekannte kann auch faszinierend sein und uns anziehen. Ich weiss noch nicht, für welche Seite ich mich entscheiden werde.
retten
Manche Patienten kann man nicht retten. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Dennoch trifft sie mich jedes Mal aufs Neue mitten ins Herz, wenn ich erfahre, dass einer meiner Patienten sich das Leben genommen hat und ich es nicht kommen sehen habe. Man macht sich Vorwürfe. Fragt sich, was man übersehen hat. Hat es Anzeichen gegeben? Habe ich nicht genau zugehört oder hingesehen? Hätte ich es verhindern können? Doch all diese Fragen führen zum gleichen Ergebnis. An einem Suizid trägt niemand die Schuld. Es ist eine Entscheidung aus freien Stücken, sofern man nicht bedroht oder dazu gedrängt worden ist. Arvid geistert nach wie vor in meinen Gedanken herum, obwohl es über einen Monat her ist, dass er zuletzt meine Praxis betreten hat. Und ich mache mir wegen seines Fernbleibens Vorwürfe. Als wäre es in meiner Verantwortung gewesen, dafür zu sorgen, dass Arvid seine Therapie bei mir fortsetzt. Vielleicht habe ich es vergeigt, weil ich ihm zu Nahe getreten bin. Kurzweilig habe ich es sogar auf Ivis Hereinplatzen geschoben, damit mein Gewissen wenigstens ein bisschen zur Ruhe kommt. Vergeblich. Arvid ist wie ein Gespenst. Nicht greifbar und dennoch da. Ein ständiger Begleiter. Als würde er von nun an in meiner Praxis herumspuken. Was irrsinnig ist. Ivi hat kein Wort mehr über ihn verloren. Ich bin mir sicher, dass sie froh darüber ist, dass er sich nicht mehr gemeldet hat. Sie hat ihn bestimmt bereits ad acta gelegt. Anders als ich. Neuerdings habe ich bemerkt, dass mich viele meiner Patienten anfangen zu langweilen. Sie erzählen immerzu die gleichen Geschichten, nur die Schauspieler darin ändern sich. Klar, jede Geschichte ist tragisch und entsetzlich, dennoch sind diese keine Herausforderung für mich. Ich sage die immer gleichen Sätze, verschreibe die immer gleichen Medikamente und beobachte die immer gleichen Veränderungen. Es ist beinahe so, als wäre ich abgestumpft. Oder es leid geworden, zu therapieren. Ivi hat vermutlich recht und ich brauche einfach mal wieder Urlaub, doch in meinem Beruf Urlaub zu nehmen, kann für so manchen Patienten verheerend sein. Denn ihr Leben geht weiter, während meins eine Pause vom Alltag nimmt. Gewisse Schicksale nimmt man auch mit nach Hause. Die begleiten einen. Beschäftigen einen. Das Einzige, was mir zurzeit zu schaffen macht, ist, dass ich für Arvids Verschwinden keine Erklärung finde. Alle meine Mutmaßungen befriedigen mich nicht. Sie frustrieren mich viel eher ungemein. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als ich am Abend die Praxis verlassen will und Ivi mich in letzter Sekunde daran hindert. Wie ein Hund mit eingezogenem Schwanz dribbelt sie auf mich zu. Bereits an ihrer Haltung kann ich ablesen, dass irgendetwas nicht stimmt und auch, dass sie sich fürchtet. Sogleich keimt Hoffnung in mir auf, ich strahle richtig, was im totalen Kontrast zum Ausdruck auf dem Gesicht meiner Assistentin steht. Aus diesem sind sämtliche Züge entgleist.
“Er ist in Zimmer sieben”, fiepst sie und duckt sich weg, als hätte sie einen Fehler gemacht, für den ich sie rügen sollte. Ich muss nicht nachfragen, wen sie mit “er” meint. Ich weiss es auf Anhieb.“Er ist plötzlich einfach im Wartezimmer aufgetaucht”, rechtfertigt sich Ivi. Ihre Hände gestikulieren dabei wild. “Ich wusste nicht, was ich tun soll…”
“Dann hast du ihn ins Zimmer sieben geführt?”, schlussfolgere ich. Ivi hält inne, dann schlingt sie ihre Arme um sich, so wie sie es immer tut, wenn sie unsicher ist.“Ich habe mich nicht getraut, ihn wegzuschicken”, murmelt sie verlegen.“Hat er denn etwas gesagt?”, frage ich verwundert nach. Sie schüttelt den Kopf. “Nein, nichts. Er hat sich auch nicht hingesetzt oder so. Er hat einfach nur da gestanden und mich angestarrt.”
Mehr muss ich nicht wissen. “Du hast nichts falsch gemacht”, versuche ich meine Assistentin zu beruhigen und nicke, als ich beide Hände auf ihre angespannten Schultern lege. “Du hast alles richtig gemacht.”
werfen
Ich werfe meine Jacke regelrecht in den Pausenraum und hetze mit zügigen Schritten Richtung Zimmer sieben. Vor der Tür bleibe ich kurz stehen, um meinen Atem zu beruhigen, bevor ich eintrete. Ich bin schon so konditioniert, dass mein Blick direkt zum Schreibtisch schnellt. Die Verwirrung, die mich überkommt, ist mir wahrscheinlich anzusehen. Nichts. Es ist rein gar nichts auf meinem Tisch, was dort nicht sein sollte. Arvid hat mir dieses Mal wohl nichts mitgebracht. Nichts, worüber ich mir eine Stunde lang den Kopf zerbrechen könnte, nichts, womit ich arbeiten kann. Und irgendwie bin ich enttäuscht darüber. Ich fühle mich wie ein kleines Mädchen, das Geburtstag hat und kein Geschenk bekommt. Dass dem kleinen Mädchen aber gleich die Augen aus den Höhlen und die Torte im Hals stecken bleibt, damit habe ich nicht gerechnet. Denn das eigentliche Geschenk, worüber ich mir eine Stunde lang den Kopf zerbrechen darf, sitzt breitbeinig auf dem Sessel für Patienten und hat nichts an. Überhaupt nichts. Splitterfasernackt thront Arvid auf dem braunen Leder und starrt mich mit dem gleichen ausdruckslosen Gesicht an wie immer. Vor ihm fein säuberlich zusammengefaltet seine Klamotten. Er hat sogar die Schuhe ausgezogen. Die hat er vor seiner Kleidung auf dem Boden platziert. Ich bin fassungslos. Der Mund steht mir offen. Die Kinnlade ist gefühlt zu meinen Knien hinunter gesackt. Ich weiss nicht, wie ich mit dem umgehen soll, was Arvid mir präsentiert. Glotzen ja. Wer würde da nicht dumm aus der Wäsche glotzen? Und ich glotze auch. Mit hochrotem Kopf zwischen seine Beine. Mein ganzer Körper kribbelt. Alle Synapsen drehen durch. Der Fluchtinstinkt schlägt Alarm. Ist nun der Moment gekommen, an dem ich die Polizei rufen sollte? Oder doch lieber die Männer mit den weißen Kitteln? Soll ich Ivi Bescheid geben? Oder besser noch, sie packen und mit ihr fliehen? Nicht weil ein nackter Mann an sich gefährlich ist, aber ein nackter Mann, den man nicht einschätzen kann und dessen Absichten man nicht kennt schon. Und warum hat sich Arvid einen Monat lang Zeit gelassen, um in meiner Praxis vorbeizukommen und sich zu entkleiden? Ich verstehe diesen Menschen nicht. Er lässt sich nicht kategorisieren und schon gar nicht katalogisieren. Es hätte für mich sogar mehr Sinn ergeben, wenn er seine Klamotten auf meinen Tisch gelegt hätte. Dann wäre er zumindest in seinem Muster geblieben. So hingegen wirft er mich komplett aus der Bahn. Da kommt mir ein Gedankenblitz. Was ist, wenn er meine Grenzüberschreitung vom letzten Mal überschreiten will? Führen wir einen Wettkampf, von dem ich nichts weiss, oder ist das seine Art, auf mich Macht auszuüben? Doch wieso sollte er das tun? Es muss doch einen Grund geben. Eine Absicht dahinter. Und diese ist mir völlig schleierhaft. “Liv, reiß dich am Riemen, du kannst das, Mädchen”, höre ich weit entfernt eine Stimme in meinem Kopf und es ist nicht meine eigene. Sie ist viel tiefer und macht mir Angst. Wie mechanisch schüttle ich meinen Kopf, als könnte ich sie so aus meinem Schädel befördern. Sie wiederholt sich nur. “Liv, reiß dich am Riemen, du kannst das, Mädchen.” Und irgendwann füge ich mich ihr. Tue das, was sie von mir möchte. Ich reiße mich am Riemen und setze einen Fuß vor den anderen, gehe mit langsamen Schritten auf meinen Patienten zu und lasse mich dann in meinen Sessel fallen, als hätte mich sämtliche Kraft verlassen.
instabil, dünn
Zerbrechlich und instabil ist genau das, was eine Psychologin nicht sein sollte. Ich sollte gefestigt und stark sein. Unerschütterlich und standhaft wie ein Berg. Aktuell fühle ich mich mehr wie ein Kieselstein. Ein klitzekleines Kieselsteinchen, das einem Findling gegenüber sitzt. Ich glaube, die Beschreibung passt am besten. Immerhin ist der Findling nicht erigiert. Er sendet auch keine zweideutigen Signale. Und es liegt keine sexuelle Spannung zwischen uns in der Luft. Was umso befremdlicher ist.
“Würdest du dich bitte wieder anziehen, Arvid?”, bitte ich meinen Patienten, weil ich so mit ihm nicht arbeiten kann. Nicht, weil ich mich an seiner Nacktheit störe. Tendenziell geht es mir mehr darum, das Gleichgewicht und die allgemeine Sittlichkeit wiederherzustellen. “Oder redest du dir das gerade ein, Liv?”, schallt es durch meine Gedanken. Ich ignoriere den Impuls, den Kopf zu schütteln, stattdessen bemühe ich mich, meine entgleisten Gesichtszüge zu sortieren. Ein Lächeln wäre nun fehl am Platz und könnte missinterpretiert werden, daher versuche ich ernst zu bleiben. Arvid hingegen kontert meine Ernsthaftigkeit mit Missachtung. Er macht keine Anstalten, meiner Bitte folge zu leisten. Er mustert mich bloß. Betrachtet mich einmal ausgiebig. Was sogar noch eine Spur unangenehmer ist, als sein ausdrucksloses Starren. Dass er mich nun bewusst wahrnimmt und mir das auch signalisiert, lässt mich fühlen wie ein Beutetier, das einem Monster gegenübersitzt. Klein und schutzlos. Ausgeliefert. Dann plötzlich, völlig unerwartet, öffnet sich Arvids Mund. Nur einen winzigen Spalt breit. Instinktiv wappnet sich mein ganzer Körper auf das bevorstehende Ereignis. Und zwar, dass Arvid endlich mit mir spricht, Ich lehne mich sogar vor, spitze die Ohren. Und werde erneut enttäuscht, als sich seine Lippen vor meinen Augen verschließen, ohne dass ein Wort gesprochen worden ist. Die Anspannung entweicht wie die Luft aus einem Ballon. Ich sacke zusammen. Kurz. Ich fange mich schnell wieder. Nichtsdestotrotz kommt es mir so vor, als hätte ich versagt. Als würde ich wieder und wieder scheitern. Als hätte ich meinen Nemesis vor mir sitzen. Der eine Patient, an dem man sich die Zähne ausbeißt. Und irgendetwas in mir will diese Tatsache einfach nicht akzeptieren. Ich möchte Arvid nicht aufgeben. Nicht bevor ich überhaupt die Gelegenheit bekommen habe, ihn therapieren zu dürfen. Die Schale zu durchbrechen. Zum inneren Kern durchzudringen. Ehrgeiz verleitet so manche dazu, sich selbst zu überschätzen und Dinge zu tun, die sie im Nachhinein bereuen werden. Wie ich, die in diesem Augenblick Entschluss gefasst hat, Arvids Barriere zu durchbrechen. Koste es, was es wolle. Ich werde zu ihm durchdringen und er wird es zulassen. Ob er will oder nicht.
Frau
Wie in Zeitlupe erhebe ich mich von meinem Sessel und alles, was danach folgt, geschieht genauso schnell. Oder langsam. Denn ich fange mit den Schuhen an. Die sind der einfache Teil. Zum schweren muss ich mich auch noch überwinden. Was man sich in seinem Kopf, in seiner Fantasie, so zusammen geschustert hat, das sieht in der Praxis, in der Realität ganz anders aus. Das stelle ich bereits fest, als ich meine Füsse aus den Stiefeln bugsiere und ich die kühle Luft durch meine Strumpfhosen spüre. Schlagartig breitet sich eine Gänsehaut aus. Nicht, weil es sonderlich kalt in diesem Zimmer ist, vielmehr weil der erste Schritt getan habe und es nun kein zurück mehr gibt. Arvids Blick liegt auf mir. Erwartungsvoll. Beobachtend. Wartend. Wie mein Patient platziere ich meine Treter fein säuberlich vor meinen Sessel. Da ich mich heute für einen Rock und eine Bluse entschieden habe, ist das nächste Kleidungsstück, was fallen wird, mein Unterteil. Wir arbeiten uns praktisch von unten nach oben. Vom angenehmen Teil zum Unangenehmen. Ich schiebe meine Finger unter den Bund meines Rockes und streife ihn langsam meine Hüfte hinab bis er über meine Beine rutscht und auf den Boden fällt. Nun stehe ich in halbdurchsichtigen Nylonstrümpfen und Bluse vor Arvid. Mir ist sehr wohl bewusst, dass er meinen schwarzen Slip durch den dünnen Stoff sehen kann und auch, dass er genau diese Stelle mit seinen Augen fixiert. Natürlich frage ich mich, wie er das, was er nun zu sehen bekommt, bewertet. Ob es ihm gefällt oder nicht, obwohl es eigentlich gar keine Rolle spielt. Das ist etwas, das uns Frauen, sobald wir in die Pubertät kommen oder sogar noch früher, ein Leben lang beschäftigen wird. Und zwar wie wir wahrgenommen werden und ob das, was wir vorzuweisen und anzubieten haben, vom Geschlecht unserer Begierde als attraktiv empfunden wird. Ganz egal, ob wir gewisse Absichten verfolgen oder nicht. Wir wollen schön sein. Wir wollen gefallen. Und auch ich kann mich von diesem Bedürfnis nicht befreien. Somit fällt es mir schwer, das nächste Kleidungsstück fallen zu lassen. Oder besser gesagt, über meinen Kopf zu ziehen. Ich brauche zwei Anläufe, um die Bluse zu fassen, da meine Finger angefangen haben zu zittern. Ich bin nervös und werde noch nervöser, als ich mich an meinem BH zu schaffen mache und seinen Verschluss von meinem Rücken löse. Dann folgt die Strumpfhose und schließlich der Slip bis vollends entblößt vor Arvid stehe. Er sieht nun alles von mir, aber im Gegenteil zu ihm, habe ich mir nicht die Zeit genommen, meine Kleidung zu falten und ordentlich vor mir auf den Boden zu legen. Diese liegt zerwühlt vor meinen Füssen, die sich eisig anfühlen. Allgemein verspüre ich ein Frösteln, obwohl innerlich ein Inferno aus Gefühlen ausgebrochen ist. Ich bin aufgeregt und voller Scham, aber auch neugierig und ungeduldig. Ich will wissen, wie mein Patient reagiert. Ob ich es geschafft habe, ihm eine Emotion zu entlocken. Doch sein Blick liegt noch immer auf der Stelle, die mein Slip zuvor bedeckt hat. Alles andere hat er noch nicht ins Visier genommen. Er verharrt dort. Er verharrt solange dort, bis ich mich frustriert auf den Sessel fallen lasse und mich hinsetze. Erst dann springt Arvids Fokus in mein Gesicht. Die blauen Augen fixieren und ich bin völlig gefangen in diesem Ozean aus Kälte.
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