das Hexenhaus
Schnauzer / Schnurrbärte
Schutt und Asche. Ich sehe die Kirche immer noch brennen, obwohl sie längst neu aufgebaut worden ist. Sie hat ihren alten Glanz verloren, ihren Zauber, ihren Geist. Den haben die Männer mit den Schnurrbärten ausgelöscht, als sie in unser Dorf gekommen sind, um uns alles zu nehmen, woran wir geglaubt haben und was uns Kraft und Zuversicht gegeben hat. Jetzt steht dort nur noch ein liebloses Gerüst, ein Gebäude, in dem wir beten und heiraten sollen. Ich beobachte den kleinen Joey dabei, wie er Blümchen vor die tote Tür legt. Er hat die Blumen zu einem Kranz geflochten. Die Männer werden das nicht gutheißen. Es wird sie an die Hexe erinnern. Die Hexe, die in den Flammen ihr Ende gefunden hat.
weben
Seit einigen Tagen tauchen Püppchen in unserem Wald auf. Sie hängen wie kleine Galgenmännchen von den Ästen und beunruhigen die Dorfbewohner. Ich habe Joey eine mitgenommen. Ihm ist egal, dass sie gruselig aussehen. Er liebt es mit dem Püppchen zu spielen und ihr Kleider anzuziehen, die er ihr aus kleinen Stofffetzen zusammengebastelt hat. Ich frage mich, wer die Puppen gemacht hat und woher sie kommen. Keiner will etwas gesehen oder bemerkt haben. Die Männer mit den Schnurrbärten werden allmählich nervös. Sie halten nun immer öfters Versammlungen ab, manchmal sogar mehrmals an einem Tag. Gudrun meint, sie haben angefangen, die Leute aus dem Dorf in das schwarze Haus zu holen. Bisher ist keiner wieder herausgekommen. Ich frage mich, was sie dort drin mit uns machen und wann ich an der Reihe bin.
Die Spinnen weben ihr Netz langsam.
Krone
Joey ist unser kleiner Prinz, unser König. Sein Püppchen trägt seit heute ein Krönchen, passend zu ihrem schönen neuen Kleidchen, dass ich ihr aus Garn gestrickt habe. Er hat mir verraten, dass er eines Tages dieses Püppchen zu seiner Frau nehmen wird. Er hat nicht gesprochen, er hat die Geschichte in den Sand gemalt. Ich bin ihm bis zur Kirche gefolgt. Ich sehe den Ascheregen immer noch. Ich kann diese Bilder und die Geräusche einfach nicht vergessen. Das Rieseln von Russ. Der Schrei der Hexe. Ich glaube, sie hat unser Dorf verflucht und wir werden schon bald für unsere Verfehlungen büßen müssen. Die Püppchen im Wald haben nun Augen.
trüb
Gudrun und ich haben heute versucht, aus unserem Teesatz die Zukunft zu lesen. Wir sind in den Wald gegangen und haben die Wurzeln der Bäume ausgebuddelt, an deren Äste wir ein Galgenmännchen entdeckt haben. Daraus haben wir unseren Tee gekocht. Das Wasser ist zu einer zähflüssigen, trüben Brühe geworden und hat entsetzlich bitter geschmeckt. Es ist mehr eine Qual als ein Genuss gewesen, den Sud zu trinken. Dennoch haben wir versucht, uns zu entspannen und an unsere Fragen zu denken, während wir getrunken haben. Anschließend haben wir unsere Tassen kopfüber auf eine Untertasse gestülpt. Wir konnten die Muster in unseren Tassen jedoch nicht deuten und die Männer mit den Schnurrbärten verbieten uns, einen Blick in die Bibliothek zu werfen. Das wäre Hexenwerk und anständige Frauen halten sich vor solchen Praktiken und Büchern fern.
Reh
Ich habe Joey erwischt, wie er mit einem Stöckchen in einem Kadaver herumgestochert hat, um den ausgehöhlten Bauch des Tieres mit Blumen zu füllen. Das Reh ist noch nicht lange tot gewesen. Ich kann nicht sagen, woran es gestorben ist und wer es vor der toten Tür abgelegt hat. Früher haben wir der Erde zurückgegeben, was sie uns gegeben hat. Wir haben das Opfer geehrt und unseren Göttern dargeboten. Ich fühle mich schlecht, dass ich Joey für seine Tat gerügt habe. Er sollte keine Angst vor dem Tod haben und seine Neugier sollte keine Strafe nach sich ziehen. Die Männer mit den Schnurrbärten sehen nicht gerne, wenn wir unsere Kleinsten mit unseren alten Bräuchen bekannt machen. Wir haben das Reh liegen gelassen und jetzt kreisen die Fliegen um es. Wie soll es nur weitergehen?
durchbohren/stechen
Die Männer mit den Schnurrbärten haben den ersten von uns gehängt, nachdem sie sein Herz mit einer Art Eisenspeer durchbohrt haben. Er hängt neben dem Dorfbrunnen und soll als Mahnmal dienen. Wer sich gegen die Männer mit den Schnurrbärten richtet, wird gerichtet, hat der eine gesagt, bevor er die Schlinge um den Hals des Waldhüters gelegt hat. Gudrun meint, die Männer mit den Schnurrbärten hätten ihn der Lüge bezichtigt, weil er abgestritten habe, etwas über die Püppchen im Wald zu wissen. Gudrun weiss immer mehr als alle anderen und manchmal macht mir das Angst. Sympathisiert sie mit unserem Feind und ist es mir gestattet, die Männer mit den Schnurrbärten als unseren Feind zu sehen?
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