Blind-Date
Ich habe mich in einen Mann aus dem Internet verliebt und nun kribbelt es überall. Auf meiner Haut. Darunter und ganz besonders an einer Stelle, von der ich längst geglaubt habe, sie ist so tot, wie ich mich innerlich fühle. Als hätte mich dieser Mann mit seinen Worten, seiner Stimme aus meinem Grab geholt und nun wandle ich als lebende Untote wieder auf dieser Erde und treffe ihn gleich. Leider trifft der Begriff «Zombie» mehr auf mich zu, als mir lieb ist. Ich sehe aus, als hätte ich ein paar Gehirne zu viel gefressen und als wäre ich schon einmal gestorben und das sage ich nicht nur, weil ich gerne schwarz trage und mit meinem Klamottenstil als Grufti durchgehe und denen das gerne einmal nachgesagt wird. Dass sie aussehen wie tot. Ja, das Leben ist nicht fair zu mir gewesen. Hat mich geprägt, denn ich bin zu bleich, meine Augenringe zu tief, meine Haare zu schütter, meine Zähne… von denen will ich gar nicht erst anfangen, nur der schiefe Turm von Pisa ist schiefer. Kurzum: Ich bin alles andere als schön und treffe gleich einen Mann, von dem ich weiss, dass er der Inbegriff von Oberflächlichkeit ist und diese Beschreibung quasi nur für ihn erfunden worden ist. Okay. Nein, ganz so schlimm ist es wohl nicht, dennoch hat er ganz klar durchscheinen lassen, dass ihm das Aussehen einer Frau wichtig ist und was er an einer Frau so gar nicht mag. Optisch. Und ich bin optisch genau das, auf das er so gar nicht steht. Deswegen habe ich mich auch nicht getraut, mich ihm zu zeigen. Was blöd und dumm von mir ist. Aber es hat so viel Spaß gemacht, mich mit ihm zu unterhalten, ihm zu schreiben, sich auszutauschen, zusammen zu lachen und neue Dinge auszuprobieren, über die ist sonst nicht so spreche, aber bei ihm habe ich mich befreit und losgelöst gefühlt. Mutig genug, auch mal ein bisschen romantisch und sexy zu sein. Obwohl ich alles andere als sexy bin.
Allmählich geht mir auch die Pumpe, ich werde nervös und komme ins Schwitzen. Unnötig zu erwähnen, dass ich vor lauter Aufregung eine Stunde zu früh dran bin und bereits den dritten Kaffee in mich reinschütte, weil ich mir einbilde, dass die mich sonst aus dem Café werfen. «Warum machst du dir auch immer so viele Gedanken, Vroni?» Ich fummele zum vierhundert fünfzigsten Mal an meinem Hosenbund herum, weil der drückt und quetscht und ich das Gefühl habe, dass ich kurz vor dem Platzen bin. Wie ein Luftballon macht es dann einfach Puff. Und ich bin weg. «Schön wäre es», murmle ich leise und linse zur Toilette rüber. Vielleicht nochmal aufs Klo verschwinden und Make-Up richten? Für das habe ich mir heute ganz besonders Mühe gegeben. Was eigentlich blöd ist, weil Jan eher auf natürliche Mädchen steht, ohne viel Schnickschnack. Ich bin der Inbegriff von überschminkt und zu viel von allem. Wortwörtlich! Ich hätte ihm einfach ein Foto von mir schicken sollen, dann müsste ich jetzt nicht hier sitzen und mir über solchen Blödsinn wie „gefalle ich ihm?“ Gedanken machen. Er hätte bei meinem Anblick hundertpro den Kontakt einfach abgebrochen oder, wenn er nett hätte sein wollen, ihn langsam einschlafen lassen und ich könnte nun zuhause in meinem Kabuff sitzen und eine Tonne Eis in mich reinschaufeln, während irgendeine doofe Serie auf Netflix läuft. Wenn ich so darüber nachdenke, gefällt mir die Option mit Eis essen und Netflix besser, als hier zu sitzen, in meinem eigenen Schweiß badend, während der Uhrzeiger unweigerlich seine Runden dreht.
Ob er überhaupt kommt? Kommt er dann pünktlich oder zu spät? Der Dämon in meinem Kopf lacht. «Und selbst wenn er kommt, kommt er jedenfalls nicht bei dir - oder in dir.»
Ein leises «Fick dich» kommt über meine Lippen. Oh nein, Vroni, du führst jetzt nicht wieder Selbstgespräche, sonst gucken die Leute komisch. Wobei die eh schon komisch gucken. Ich bin viel zu auffällig gekleidet, das ist Jan bestimmt unangenehm. Aber für ein Date putzt man sich doch heraus. Wäre doch auch irgendwie schräg, wenn ich nur in einem T-Shirt und einer Jeans zu einem Date erscheine. Dann heisst es, ich gebe mir keine Mühe. Warum zum Teufel ist Daten eigentlich so schwer und warum bin ich so eine Nullnummer? Jan wird mich nicht mögen. Er wird sich vor mir ekeln. Oh Gott, alleine bei der Vorstellung wie sich sein Gesicht verzieht, wenn er mich sieht. Ich könnte einfach abhauen, wenn er zur Tür reinkommt, er würde mich eh nicht erkennen. Aber wäre es fair, ihn sitzen zu lassen, nur weil ich nicht den Mut habe, mich einer Abfuhr zu stellen? Vielleicht sollte ich ihm schreiben, dass etwas dazwischengekommen ist oder dass ich spontan krank oder von einem Bus überfahren worden bin. Die Idee mit dem Bus gefällt mir. Die ist gut. Dann könnte ich auch so tun, als wäre ich gestorben und müsste nie wieder mit ihm schreiben und mich nochmal so etwas affigem wie einem Date stellen, das sowieso nur schlecht und enttäuschend ausgehen wird. Ach ja und nachdem ich mich schlechter fühle werde als zuvor und am liebsten einfach nur sterben will.
«Möchten Sie noch etwas bestellen?» Die Kellnerin taucht neben mir auf, der ich mit meiner Rumsitzerei vermutlich so langsam auf den Keks gehe. Oder ich bilde mir das ein. Weil ich mich allgemein als unangenehm und unerwünscht empfinde. Ich schüttle bloß den Kopf, ringe mich dann doch zu einem freundlichen Lächeln durch und hoffe, dass es nicht so aussieht, als hätte ich Verstopfung. «Das Einzige, was bei dir verstopft ist, sind deine Hirnsynapsen», triezt mich der Dämon in meinem Kopf. Ich zucke zusammen. Manchmal ist seine Stimme zu real, genauso wie seine Präsenz. Und das macht mir Angst.
Wie die Tatsache, dass es gleich so weit ist. Gleich wird Jan zur Tür hereinkommen und nach mir suchen. Ich gucke verlegen auf das Buch, das ich auf den Tisch gelegt habe und er garantiert wiedererkennen wird. Ich habe es geschrieben und ihm meinen Autorennamen verraten. Ist ein Pseudonym, das ich mit einem Avatar geschmückt habe, der mir so gar nicht ähnlich sieht. Gerne wäre ich die skizzierte Frau auf diesem Bildchen, leider hat sie nichts mit mir gemeinsam, außer dass wir Augen, Nase und einen Mund haben. Ach ja, und Ohren. Wie aus einem Reflex heraus, schiebe ich mir eine lose Strähne aus dem Gesicht. Keine Ahnung, wie ich auf den Trichter gekommen bin, meine Haare heute so etwas wie einer Frisur zusammenzubinden. Das sieht total bescheuert an mir aus. So sehen meine Wangen noch mehr nach Flugzeuglandebahn aus als ohnehin schon.
Gerade als ich aufstehen und das Desaster auf meinem Kopf richten gehen will, passiert es. Ein Mann, der so aussieht wie Jan, betritt das Café und sieht sich um. Ich mache mich auf meinem Stuhl ganz klein. Der Schrumpf-Modus springt wie von alleine an. Blöderweise macht der mich nicht ganz unsichtbar und lässt meine breite Masse auch nur minimal verschwinden. Und zwar Stück für Stück immer mehr unter der Tischplatte. «Mann, Vroni, eigentlich musst du dich aufrichten und selbstbewusst die Schultern nach hinten werfen!», motiviert mich die mickrige Version von mir, die noch nicht ganz aufgegeben hat. Mein Dämon lacht nur, so laut, dass ich befürchte, das bald alle Augen und nicht nur die von Jan auf mich gerichtet sind. Was Schmonzes ist. Passiert alles nur unter deiner Schädelrinde, hast du gehört, Vroni? Nicht echt, nicht real. In der realen Welt existieren keine Dämonen, nur Monster und der Mann, der sich selbst in so vielen Gesprächen als Monster betitelt hat, kommt geradewegs auf mich zu. Er muss das Buch entdeckt haben. Mist, ich hätte es doch wegpacken sollen! Jetzt ist es zu spät und er kommt auf mich zu und da ist kein Lächeln auf seinem Gesicht. Herrgott, da ist nichts! Überhaupt nichts. Wie zum Henker kann ein Mensch so neutral gucken? Mein Muffensausen nimmt völlig neue Ausmaße an und wird umso schlimmer, je näher Jan kommt. Und Jan sieht gut aus. Wo zum Teufel hat dieser Mann sein Selbstbewusstsein her und kann ich bitte etwas davon abhaben? Nur so ein kleines bisschen oder zumindest ein wenig Mut to go für absolute Problemfälle wie mich? Wahrscheinlich ist es total einfach, «einfach» selbstbewusst zu sein, wenn man so gute Gene in die Wiege gelegt bekommen hat wie Jan. Seine dunklen Locken trägt er heute wild und natürlich, dazu passend hat er sich für ein lockeres Herbst-Outfit entschieden. Jeans, einen schwarzen Pullover und Sneaker. Seine Haltung ist so, wie sie sein sollte und nicht so eingefallen und tütenhaft wie meine. Normalerweise sieht man auf Fotos besser aus als in echt, doch für Jan scheint dieses ungeschriebene Gesetz außer Kraft getreten zu sein. Er sieht schlichtweg umwerfend aus und das, ohne viel dafür machen zu müssen.
«Anders, als erwartet», sind die ersten Worte, die ich von ihm, live und in Farbe, aus seinem Mund zu hören bekomme. In meinem Hals trommelt eine Horde Affen herum. Ich habe prompt das Gefühl, dass, egal was ich sage, es das Falsche und viel zu laut sein wird. Also presse ich wie eine zum Schweigen Verdammte angestrengt die Lippen aufeinander und realisiere erst, wie abfällig seine Bemerkung zu meiner Erscheinung eigentlich gewesen ist, als er mir gegenüber Platz bereits genommen hat. Autsch. Er streckt mir nicht einmal die Hand zur Begrüßung hin oder macht Anstalten mich in den Arm zu nehmen. Okay. Zugegeben. Er hat mir im Vorhinein in einem Gespräch gesagt, dass Umarmungen nicht so sein Ding sind. Dennoch tut es weh, auch kein «schön, dich zu sehen» zu hören oder irgendetwas in der Art, dass er sich freut, mich auch mal außerhalb eines Bildschirms zu erleben.
«Vroni, richtig?», hakt er nach, weil ich immer noch die Stumme mime. Ich nicke und schlucke gleichzeitig. Er spiegelt meine Geste mit einem Nicken seinerseits. Die Kellnerin stolpert herbei und das in einer Geschwindigkeit, als hätte sie nur darauf gewartet, endlich jemand anderes als mich an diesem Tisch bedienen zu können. Er bestellt sich irgendetwas, das ich gar nicht so richtig mitbekomme, weil ich so sehr mit Glotzen beschäftigt bin, dass meine Ohren kurzzeitig ihren Dienst komplett aufgegeben haben. Dort nehme ich nur so am Rande ein unangenehmes Dröhnen wahr, was vermutlich von meinem Herzen herkommt, das wie verrückt schlägt, um Blut in meinem Bahnen pumpen, um mich irgendwie am Leben zu erhalten.
«Wartest du schon lange?», ist Jans nächste Frage auf die ich, dumm wie ich bin, wieder mit einem Nicken antworte. «Irgendwann musst du etwas sagen, sonst steht er auf und geht», mahnt mich die Vroni in meinem Kopf.
Ich will den Mund schon aufmachen, da greift Jan nach meinem Buch. Gut, dort stehen auch Buchstaben drin, trotzdem wäre ich nun gerne selbst welche losgeworden. «Und du willst wirklich ein Buch über mich schreiben?», erkundigt er sich und guckt über den Rand des Buches zu mir rüber. Ich verliere mich kurz in diesen grünen, ungewöhnlichen Augen, ehe ich das dritte Mal dummblöd nicke und es dann doch noch schaffe, ein zaghaftes «Ja» hinterherzuschieben. Und schleunigst noch ein «Eine Kurzgeschichte» rausquetsche.
«Eine Kurzgeschichte», wiederholt er in einem süffisanten Ton. An den kleinen Fältchen, die sich auf seinem Gesicht bilden, kann ich erkennen, dass er jetzt wohl lächelt oder grinst. Mein Buch verdeckt die untere Hälfte seines Gesichts und irgendwie bin ich traurig darüber. Ein Lächeln seinerseits hätte den Dämon in mir vielleicht eine Sekunde lang zum Schweigen gebracht. Doch der lacht immer noch, als wäre das hier kein Date, sondern eine Comedyshow.
Beschämt richte ich meinen Blick auf die Tischplatte. Ich will gar nicht wissen, welchen Rotton meine Wangen mittlerweile angenommen haben müssen. Kirschrot, Apfelrot, Ampelrot…
«Hast du dich mit ihm auch in einem Café verabredet?» Jan tippt mit seinen Fingern gegen den Einband von meinem Debüt-Roman. Mit der Frage hätte ich rechnen müssen. Und wie unangenehm sie mir ist auch. Vorbereitet auf sie habe ich mit jedoch nicht. Also tue ich das, was ich am besten kann. Ich sinke noch mehr unter den Tisch. Viel kleiner kann ich mich gar nicht mehr machen, ohne dass ich ganz vom Stuhl rutsche und auf dem Boden lande. Viel lieber würde ich vom Erdboden verschluckt werden.
«Also», beginne ich und wünsche mir, mir würde es so einfach fallen wie den anderen Autoren, über das eigene Buch zu reden. Mein Dämon spitzt derweil gespannt die Ohren, während die andere Vroni in meinem Kopf nervös auf ihren Nägeln herumbeisst.
«Er ist fiktiv», stammele ich herum und möchte eigentlich noch etwas hinzufügen. Mir fällt bloß nicht ein was. «Und diesmal willst du es mit einem echten Mann machen, ja?», stichelt Jan und legt das Buch dabei auf dem Tisch ab. Nun sehe ich das Lächeln. Oder besser gesagt das selbstgefällige, fast schon böse leicht überheblich wirkende Grinsen in Jans Gesicht. Ich fühle mich schlecht, weil mich dieses Grinsen irgendwie anmacht und mir nun nicht mehr nur heiß ist, sondern die Hölle in meinem Innern ausgebrochen ist. Genauer gesagt, an einem ganz bestimmten Ort, der tot sein sollte.
«Ist schon okay, ich beisse nicht», behauptet Jan, dem ich diese Worte sowas von gar nicht abkaufe. Hätte ich Platz unterm Tisch würde ich nun provokativ meine Beine übereinanderschlagen, doch die sind zu dick für dieses Unterfangen. Zumal ich mich so ein Manöver vermutlich ohnehin nicht getraut hätte, also versuche ich zur Abwechslung ein bisschen hoch statt runterzurutschen und die Schultern zu straffen. Er beobachtet mich dabei, was mir direkt wieder peinlich ist.
«Du machst sowas sonst nicht, hm?», foltert Jan mich weiter. Ohne meine Antwort abzuwarten, die wahrscheinlich ohnehin nur aus einem Nicken bestanden hätte, lehnt sich der Mann zu mir vor. Die grünen Augen fokussieren mich, hypnotisieren mich beinahe. Der Mann ist definitiv der Inbegriff einer Schlange. Heimtückisch, giftig, gefährlich und gleichzeitig so verlockend mysteriös.
«Nur um eine Sache klarzustellen, Mausi», flüstert Jan und funkelt mich an. «Ich weiss, warum du dich nicht hast zeigen wollen, weil du weißt, wie ich drauf bin. Aber verjagen kannst du mich nun nicht mehr. Jetzt bin ich hier und wir ziehen die Sache heute durch. Ich stehe zu meinem Wort, stehst du auch zu deinem?»
Hat er mir gerade durch die Blume gesagt, dass er mich abscheulich findet, aber dennoch bleiben wird? Ist das dieser Mitleidbonus, den man kriegt, weil man doch irgendwie nett ist, obwohl man auf optischer Ebene komplett versagt hat?
Ein Impuls rät mir, einfach aufzustehen und zu gehen oder diesen Mann wenigstens anzumaulen und ihm wüste Beschimpfungen an den Kopf zu werfen. Aber die liebe, dicke Vroni bleibt sitzen und lässt es passieren. Auch wenn aus Jan und mir wahrscheinlich niemals Liebespaar werden wird, könnte mein zukünftiges Werk ein Bestseller werden. Vorausgesetzt, jeder, der diese Geschichte lesen wird, kann meine Faszination für diesen Mann teilen. Wenn nicht auf Anhieb, dann vielleicht, sobald der Leser das letzte Wort gelesen hat und anfängt, mich zu verstehen.
Kaum hat sich Jan wieder normal hingesetzt, stellt die Kellnerin seinen Tee auf dem Tisch ab und verschwindet so schnell, wie sie gekommen ist, zurück hinter dem Tresen. Auf eine seltsame Art und Weise beneide ich sie. Sie kann gehen, während ich hier festsitze und komplett überfordert bin. Mit Jan, meinem Leben und der Tatsache, dass ich so wie ich derzeit bin, wohl keinem jemals gefallen werde.
«Denkst du, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn alle Menschen blind wären?», rutscht es aus mir heraus. Überrascht halte ich mir die Hand vor den Mund, als könnte ich ungeschehen machen, den Gedanken laut ausgesprochen zu haben. Jan hingegen drückt in aller Gemütlichkeit den Teebeutel über seiner Tasse aus. Dann zuckt er mit den Achseln und sieht zu mir herüber. «Du würdest dich genauso hassen», meint er nur. Ich schlucke, weil diese Aussage irgendwie wieder weh getan hat. Eine vernünftige Frau würde das Café im Galopp verlassen. Sich vor diesem stechenden Schmerz schützen, dem Skorpion die Leviten lesen und den Stachel ausreißen.
«Es ist eigentlich ganz einfach, Mausi», sagt Jan schließlich, als er einen Schluck von seinem Tee genommen hat. «Du kannst die Menschen um dich herum nicht ändern, du kannst nur dich selbst ändern», klugscheisst er und mir ist bewusst, dass er recht hat. Ich habe schon unzählige Male versucht, etwas an mir zu ändern. Diäten, Haarkuren, Tipps und Tricks aus dem Internet. Ich habe sogar schon über Schönheitsoperationen nachgedacht, aber..
«Ne ne, nicht von außen, sondern von innen», unterbricht Jan meinen inneren Monolog, als hätte ich wieder laut ausgesprochen, was ich denke. Der Mann legt eine Hand auf seine Brust. Ich bilde mir ein, sein schwarzes Herz, seine Worte nicht meine, klopfen zu hören - und schüttele instinktiv den Kopf. Akzeptieren, was mein Gegenüber von sich gibt, kann ich nicht. Einer, der schon immer schön gewesen ist, kann nicht verstehen, wie es einer geht, die einfach nur abgrundtief hässlich ist und schon gewesen ist.
«Wir wären beide nicht hier, wenn es in dir drin genauso aussehen würde wie in mir», meint Jan. Ich sehe ihm zu, wie er einen weiteren Schluck von seinem Tee nimmt. «Du hast eine Gabe», plappert er weiter. Keine Ahnung, was er meint, doch ich verteufele das dämliche Lächeln, das meine Lippen ohne meine Erlaubnis bilden. Der Dämon in mir bricht erneut in Gelächter aus, kugelt sich regelrecht vor Lachen. Die andere Vroni, die in meinem Kopf, läuft unruhig in meinem Oberstübchen rum. Der fällt offensichtlich auch nichts ein, was sie dazu sagen könnte.
«Und was soll das für eine Gabe sein?», hake ich nach und bin fast schon stolz, dass ich überhaupt in der Lage bin, eine Frage zu stellen. Gut gemacht, Vroni! Weiter so!
«Du schaffst es, Menschen mit deinen Worten zu verzaubern», antwortet Jan. «Da du deiner Meinung nach über keinerlei optischen Reize verfügst, hast du deine Stärke in etwas anderem gefunden und diese ausgebaut. Verstehst du, was ich meine?»
Aus irgendeinem Grund verspüre ich den Drang, den Inhalt der Teetasse in Jans schönes Gesicht zu schütten. Selbst wenn sein Kommentar als Kompliment verstanden werden könnte, weigert sich etwas in mir, es auch anzunehmen.
«Eine Schande, diese Stärke nicht als solche anzusehen», piekst der Skorpion weiter in der offenen Wunde herum.
„Also bist du bereit für das Experiment?“, lenke ich schnell vom Thema ab. Die Vroni in meinem Kopf jubelt. Habe ich es doch tatsächlich geschafft, den hübschen Jan mit meiner forschen Art, das Gespräch voranzutreiben, zu überfahren. Er ist kurz still, dann nickt er, dann lacht er und irgendwie lache ich mit. Keine Ahnung wieso und was in mich gefahren ist. Wie zwei Bekloppte sitzen wir im Café und gackern rum, statt rumzumachen. Aber da der Herr klar signalisiert hat, dass unser Date zumindest für ihn kein richtiges Date ist, bleibt mir nur übrig, Option B auszuspielen und Option B besteht daraus, in meine Handtasche zu greifen und die kleine Puppe herauszuholen. Jan reagiert, wie jeder reagieren würde. Erstmal mit Skepsis und einer Prise Argwohn. Dann verformt sich seine Mimik und ein fettes Grinsen nimmt auf seinem Mund Platz. Wahrscheinlich denkt der Mann in diesem Augenblick exakt das, was jeder über mich denkt, wenn er mich mit der Puppe in Kombination sieht. Wieder nur irgendein Grufti, der sich zu viel okkulten Quatsch einverleibt hat und nun an das Übernatürliche glaubt und sich für eine Hexe hält.
„Okay, die ist schräg“, meint Jan und deutet mit seinem Zeigefinger auf meine Puppe. Gut, dass er mit schräg nicht mich meint, obwohl ich es besser wissen sollte. Trotzdem ist es ein tröstender Gedanke, nicht die einzige Absurdität an diesem Tisch zu sein. Nun habe ich Verstärkung und irgendwie gibt mir dieses Püppchen das, was mir die ganze Zeit gefehlt hat. Macht. Die Chance, mehr zu sein, als nur das eingeschüchterte, verschreckte Ding, das ich zuvor noch gewesen bin.
„Das ist Madeleine“, stelle ich meine Begleiterin vor. „Sie ist verflucht“, füge ich in einem leisen Ton hinzu, als wäre die Information ein Geheimnis, das ich nicht mit jedem teile.
„Verflucht also“, echot Jan. In seiner Stimme höre ich klar und deutlich heraus, dass er mich gar nicht mehr ernst nimmt. „Na dann, erzähl mal, ich bin ganz Ohr“, gibt mein Date von sich, dann lehnt er sich entspannt mit seiner Tasse Tee in der Hand auf seinem Stuhl zurück und sieht mich erwartungsvoll an. Ich schlucke. Die Sache mit der Macht will nicht so ganz fruchten. Bisschen Muffensausen ist noch da. Hauptsächlich oder weil wir in der Öffentlichkeit sind. Ich fühle mich beobachtet. Wahrscheinlich gucken einige bereits blöd zu unserem Tisch rüber und fragen sich, was hier gerade abgeht und was die Durchgeknallte mit ihrer Puppe will. Egal. Zieh es nun durch Vroni, wenn schon nicht für die Liebe, dann für dein Buch!
„Madeleine ist eine Voodoopuppe, genau genommen eine ganz besondere Voodoopuppe, nicht so eine, wie man sie aus Filmen kennt. Sie erlaubt mir, die Dinge durch deine Augen zu sehen. Zu fühlen, was du fühlst, zu tun, was du tust…“, druckse ich herum und hasse es, wie sich Jans Mundwinkel immer weiter nach oben schieben. Bald blendet mich sein selbstzufriedenes Lächeln so sehr, dass ich davon blind werde.
„Und du glaubst an den Quatsch?“, erkundigt sich Jan, als von mir nichts mehr kommt. „Das ist kein Quatsch“, murmle ich. Verlegen senke ich den Blick. Mein Dämon tanzt. Die andere Vroni im Kopf bibbert. Und ich? Ich will das Ganze endlich hinter mich bringen, und zwar schnell.